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Die verblüffenden Ähnlichkeiten zwischen den Jahren 2020 und 2000

Bernd Schmid
Die verblüffenden Ähnlichkeiten zwischen den Jahren 2020 und 2000

„Jetzt kommt der auch noch mit einer Prognose.“ Wer das jetzt denkt, dem kann ich es nicht übel nehmen. Ich kann jedoch beruhigen: Die Frage werde ich in diesem Artikel gar nicht beantworten. Das kann man nämlich gar nicht, da es nur um Wahrscheinlichkeiten geht. Meine Antwort wird daher dieselbe sein wie in jedem Jahr: Vielleicht, vielleicht auch nicht. Trotzdem werfe ich einen Blick darauf, woran die heutige Situation erinnert (Spoileralarm: Es geht um die Jahrtausendwende) und was das für den langfristigen Anleger bedeutet.

Aber erst einmal noch eine Unterscheidung. Was bedeutet eigentlich ein Crash? Heißt das, dass die Börse abstürzt? Oder die Wirtschaft? Diese beiden Dinge hängen nämlich nicht immer so zusammen, wie man es erwarten würde. Der Dotcom-Crash anfang des Jahrtausends zum Beispiel war ganz schön heftig an der Börse. Bei der realen Wirtschaft hingegen konnte man kaum von einem Crash sprechen, das war mehr ein sehr milder Abschwung. 

Außerdem war es in den letzten Jahrzehnten nicht so, dass eine Rezession in der Wirtschaft zu einem Abschwung an der Börse geführt hat. In der Regel war es (hinsichtlich der zeitlichen Abfolge) anders herum. Ob in diesen Fällen nun die Börse die Rezession antizipierte oder ob sie sie auslöste, diese Frage kann ich wahrscheinlich nicht beantworten.

Was ich sagen kann, ist, dass ein wirtschaftlicher Abschwung durchaus schon eintreten kann, bevor die Börsen ihren Höhepunkt erreichen. Das war auch um den Jahrtausendwechsel der Fall. Die Wirtschaftsindikatoren wie der US-Einkaufsmanagerindex (EMI) für das produzierende Gewerbe begann sich bereits abzukühlen, da erklommen die Börsen bis in den März 2000 hinein weiter neue Höhen.

Die Ähnlichkeiten zwischen den Jahren 2020 und 2000

Eine ähnliche SItuation haben wir heute. Der EMI steuert aktuell ebenfalls auf die 50er-Marke zu, die die Grenze zwischen Expansion und Kontraktion bedeutet, und die Börsen eilen auf immer neue Allzeithochs zu.

Was den Jahresanfang 2020 auch mit der Zeit um die Jahrtausendwende vergleichbar macht, dürfte der Fear & Greed Index (Furcht-und-Gier-Index) sein. Diesen gab es meines Wissens damals noch nicht. Aber wenn es ihn gegeben hätte, dann wäre er vermutlich damals auf ähnlich schwindelerregenden Höhen gewesen (viel Gier im Markt, kaum Angst) wie zu Beginn dieses Jahres. Das lässt auch der sogenannte Buffett-Indikator (das Verhältnis von Börsenkapitalisierung zu Wirtschaftsleistung) vermuten - dieser war nämlich nie auch nur annähernd so hoch wie heute und … im März 2000.

Das sind aber noch nicht die interessantesten Parallelen zwischen den Jahresanfängen 2020 und 2000, wie der ehemalige Hedgefonds-Manager Raoul Pal feststellt. Er sieht noch zwei weitere spannende Parallelen. 

Die erste ist eine Expansion der Zentralbankbilanzen. Laut Pal erweiterte die US Federal Reserve in Vorbereitung auf das Jahr-2000-Problem ihre Bilanz um 13 %. Die Repomaßnahmen der Fed in den letzten Monaten sorgen bis heute laut Daten der Fed selbst für eine ähnliche Zunahme von fast 3,8 Billionen US-Dollar auf fast 4,2 Billionen US-Dollar.

Die zweite ist die Kursentwicklung von Eurodollar-Futures. Bei diesem Instrument handelt es sich nicht, wie der Name suggeriert, um einen Wechselkurs zwischen Euro und Dollar oder etwas in dieser Richtung. Eurodollars sind vielmehr kurzfristige zinstragende Bankeinlagen in US-Dollar, aber bei Banken außerhalb der USA. Und mit einem Future auf Eurodollars kann man sich den Zinssatz auf eine solche dreimonatige Einlage in der Zukunft sichern.

Das hört sich sehr kompliziert an (und ist es auch, wie ich finde). Für uns reicht es jedoch aus zu verstehen, dass der Kurs eines Eurodollar-Future-Vertrags 1:1 davon abhängt, welchen Zinssatz für solche Einlagen der Markt in Zukunft erwartet. Konkret: Je niedriger der Zins, desto höher der Kurs eines Eurodollar-Future-Vertrags. Und hier kommt die verblüffende Ähnlichkeit dieser Erwartungen heute im Vergleich zu vor zwei Jahrzehnten:

Quelle: Realvision; Erklärung: Die Graphen sind versetzt gezeigt, da die Zinssätze/Erwartungen für die Zukunft heute (weiß) deutlich niedriger sind als damals (orange).

Sollte die Korrelation dieser beiden Graphen in den kommenden Monaten anhalten, dann würde das bedeuten, dass wir im Sommer deutlich niedrigere Zinserwartungen für die Zukunft haben werden als heute.

Die Ähnlichkeiten zwischen den Jahren 2020 und 2000

Ob dieses Szenario am Ende eintritt, da gehen die Meinungen stark auseinander. Ich bin jedenfalls der Falsche, um hier eine Meinung zu äußern. Gewiss ist auch, dass ich hier Cherry-Picking betrieben und mir einfach drei Dinge herausgesucht habe, die den Stand der Märkte heute ähnlich aussehen lassen wie damals.

Das Einzige, was mir das sagt, ist, dass die Wahrscheinlichkeit eines Börsencrashs in diesem Jahr wohl höher liegen könnte als zu demselben Zeitpunkt im letzten Jahr. Aber ob sie nun bei mehr als 50 % liegt oder weniger als 20 %? Ich weiß es nicht.

Was langfristige Anleger mit diesen Informationen anfangen sollten

Als langfristig orientierter Anleger sollte man sich von solchen Szenarien keine Angst einjagen lassen. Erstens sind Angst und Gier die denkbar schlechtesten Begleiter beim Investieren. Zweitens wäre ein 2000er-Szenario für langfristige Anleger doch ein Wunschszenario.

Das Szenario, in dem die Börsen crashen, während die Wirtschaft nur einen leichten Husten bekommt und sich dann erholt, würde doch die besten Einkaufsmöglichkeiten bieten - allerhand Schnäppchen an der Börse.

Das setzt natürlich voraus, dass man etwas Bargeld übrig hat, um auch zugreifen zu können. Ich rate zwar grundsätzlich vom Markt-Timing ab. Aber wenn man zu der Art von Investoren gehört, die genau dann zuschlagen wollen, wenn das Blut in den Straßen fließt, dann kann es nicht schaden, sich genau dann ein kleines Cashpolster aufzubauen, wenn noch die Gier an den Märkten regiert. 

Man bedenke bei alldem nur, dass man auch dann falschliegen kann. Vor allem, wenn man unsere in den letzten 10 bis 15 Jahren gegen Rezessionen immer allergischer werdenden Zentralbanken mit berücksichtigt. Aber das ist ein anderes Thema.

Foto: Who is Danny / Shutterstock

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