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Künstliche Intelligenz in Deutschland noch nicht im Turbogang

Reuters

- von Nadine Schimroszik

Berlin (Reuters) - Die Aussage, dass Künstliche Intelligenz (KI) die Wirtschaft ähnlich stark verändern wird wie Elektrizität oder der Verbrennungsmotor, wird kaum noch angefochten.

Und wer bei der bestimmenden Universaltechnologie des 21. Jahrhunderts die Nase vorn hat, scheint ebenfalls festzustehen: "Die USA und China haben die Führung übernommen. Sie stehen an der Spitze", urteilt die Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) der Vereinten Nationen.

Das hat einige in Europa aufgeschreckt. Während Google mittels KI Datenzentren auf Effektivität trimmt und Sensetime - das derzeit wertvollste KI-Startup der Welt - in China ins staatliche Überwachungsgeschäft einsteigt, haben Unternehmen in Deutschland Probleme, vielversprechende Forschungsergebnisse in Anwendung zu bringen. "Wir sehen, dass viele Unternehmen nicht wissen, wie und in welchen Bereichen sie KI sinnvoll einsetzen können", sagt der Geschäftsführer der Beratungsfirma Futurice, Helmut Scherer. Ziel müsse es sein, KI zu nutzen, um Wissen leichter einsetzbar und Erfolg vorhersehbar und messbarer zu machen.

BMWI - DEUTSCHLAND SOLL BEI KI FÜHRENDE ROLLE EINNEHMEN

Dabei sind die Ziele der Bundesregierung durchaus ambitioniert: "Wir wollen, dass Deutschland und Europa bei KI eine weltweit führende Rolle spielen." Eine europaweite KI-Strategie soll dafür sorgen, dass Investitionen stärker koordiniert werden und dass bis Ende 2020 mindestens 20 Milliarden Euro jährlich in die Forschung und Innovation im Bereich der Künstlichen Intelligenz fließen. Deutschland als Europas größte Volkswirtschaft will für die Zukunftstechnologie bis 2025 aber nur mindestens drei Milliarden Euro bereitstellen. "Man kann auch mit kleineren Beträgen viel bewirken", gibt sich die neue Präsidentin des weltweit anerkannten Deutschen Forschungszentrums für künstliche Intelligenz (DFKI), Jana Köhler, trotz der immensen Differenzen zu den in China und den USA investierten Summen zuversichtlich. Die Regierung in Peking will China bis 2025 zum Weltmarktführer in Sachen KI machen, dafür werden mehr als zwei Milliarden Dollar allein in den Aufbau eines KI-Zentrums in der Hauptstadt Peking gesteckt. Die chinesische Industrie soll mit KI-Anwendungen im kommenden Jahr bereits mehr als 20 Milliarden Dollar umsetzen.

In Europa scheint der Turbo dagegen bisher nicht eingeschaltet worden zu sein: Bis die auf dem Digitalgipfel in Nürnberg im Dezember vorgestellten Initiativen wie die 100 anvisierten KI-Professuren und die Kompetenzzentren für den Mittelstand Realität werden, dauert es noch. So hat das DFKI laut Köhler inzwischen wissenschaftliche Profile wie die kognitive Robotik und KI in verschiedenen Anwendungsfeldern wie Gesundheit und Finanzen definiert und diskutiert diese mit den Universitäten. Die Hochschulen müssen dann die Ausschreibungen vornehmen und geeignete Kräfte finden. Auch das birgt Herausforderungen: Es herrscht ein rigoroser weltweiter Wettbewerb um Fachkräfte, der nicht nur mit idealen Forschungsbedingungen und Kontakten zur Wirtschaft sondern auch dem Geldbeutel ausgetragen wird.

KI KOMMT IN WIRTSCHAFT AN

KI und hier vor allem das maschinelle Lernen, also die Fähigkeit von Maschinen, ihre Leistung ohne Zutun von Menschen zu verbessern, spielen in der Industrie eine immer größere Rolle. "Künstliche Intelligenz beschäftigt uns schon lange, wird aber nun langsam auch real. Getrieben wird das Ganze durch die unglaublichen Datenmengen, die jetzt zur Verfügung stehen", sagt Intel-Deutschland-Chef Hannes Schwaderer und ist sich sicher: "Das Ganze wird sich exponentiell entwickeln." Der deutschen Industrie rät er, Spezialisten zu vertrauen: "Kein Autobauer stellt jedes Teil seines Autos selbst her. Es wäre eher schädlich, wenn jeder seine eigene KI entwickelt, denn die muss am Ende interoperabel sein." In diesem Bereich macht Köhler Vorteile auf Seiten der beiden großen Konkurrenten - den USA und der Volksrepublik - aus: "China kann schnell Ideen in den lokalen Markt bringen, weil sie einen riesengroßen Binnenmarkt haben." Europa sei heterogener, was es schwieriger machen könne, mit neuen Ideen schnell zu wachsen. Aber: "Heterogenität kann auch eine Chance sein."

Zweifel daran, dass die Aufholjagd erfolgreich sein kann, bleiben trotzdem. Der Chef des Verbandes der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE), Ansgar Hinz, fasst es so zusammen: "Das Grundproblem ist, dass sich die deutsche Industrie lange auf ihrem Status Quo ausgeruht hat und damit schlichtweg in vielen Bereichen den Anschluss an die USA und China verpasst hat, die die Digitalisierung auf allen Ebenen vorantreiben."

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